photo, art photography


Renate Jüttner

Lange, allzulange wurde das bildnerische Schaffen der Renate Jüttner, ihre Drucke, Aquarelle und Gemälde als eine Art Nebenprodukt der Konzertpianistin angesehen.
Dabei hätte es einem aufmerksamen Betrachter sehr wohl auf- fallen müssen, wie sehr hier eine Frau um eine für sie unendlich wichtige Sprachform ringt, die ihren inneren
Gesichten, Visionen, Angsten, aber auch Glücksgefühlen Ausdruck ver- leihen kann.
Indem sie Bilder ganz aus dem tiefsten Inneren ihres Wesens heraus schafft, gelingt es ihr mit Farben, Formen und Strukturen viel präziser als mit Worten das auszudrücken, was sie bewegt, ja regelrecht umtreibt.
Sicher durchpulst Musik die Grafik und Malerei von Renate Jüttner, allerdings interpretiert sie hier nicht die Kompositionen anderer, sondern trifft unmittelbar Aussagen über sich.
Deshalb würde ein Vergleich mit der Musikerin dem Anliegen der Malerin nicht gerecht.
Wie Quellwasser, das aus dem Stein bricht, kommen immer neue Schöpfungen aus ihr hervor, dabei erobert die Künstlerin sich von Bild zu Bild neue gestalterische Ausdrucksmittel.
Ganz dem Abenteuer Malerei ausgesetzt und bei Partien von großer malerischer Delikatesse noch etwas diffus - ihre frühen Werke, etwa "Das Land Orplid". Daneben Farbmonotypien, Aquarelle.
Erkundungen der Möglichkeiten und ein Staunen über die neuen Offenbarungen.
Heute sagt sie selbstbewußt: "Was ich malen will, weiß ich wohl".
Sie malt Reisebilder aus dem innersten Zirkel ihrer Seele, aus der "Verbotenen Zone". Erkennbar für den. der ihre "Schweige- zeichen" zu lesen bereit ist.
Wer sich solchen Tabuthemen zuwendet, der fragt wenig nach formaler Brillanz, sondern sucht den direkten Weg zur eigenen, wie zur Empfindungswelt des anderen.
Dabei wurde Renate Jüttner in den letzten Jahren im Bildaufbau wie in der Malweise immer einfacher.
Feste, ja metallisch hart erscheinende Flächen mit scharfen Kanten und rauhen Graten zwängen Farbströme und -wolken, die sich frei entfalten wollen, immer wieder in klaustrophobische Räume, brechen das Kontinuum des Bildes.
Die Farben werden aufgetragen, wie es der Schöpfungsmoment ihr unmittelbar eingibt.
Zuweilen pastos, meist jedoch lasierend dünn, die Pinselspuren bleiben sichtbar.
So spricht sie über ihre Bilder zu uns, aber ebenso zu sich selbst, spricht sich Trost zu, auch wenn sie sich vor den Erscheinungen auf der Leinwand dann zuweilen ängstigt.
Sie liebt ihre Schöpfungen und fürchtet sich doch auch vor ihnen, wenn sie gezwungen wird, in die eigenen Abgründe zu sehen.
Dennoch - was ausgesprochen ist - egal ob mit Worten oder Bildern, erscheint gebannt und verliert von seinem Schrecken. Der große schwarze Vogel kann verscheucht werden und die Kröte trägt den Edelstein.
Es scheint, als erzähle sich RenateJüttner leise, fast flüsternd selbsterfundene Märchen, düster traurige, zumeist aber doch unendlich schöne.
Tatsächlich findet sie unter den Dichterinnen und Dichtern Schwestern und Brüder im Geiste.
So etwa Gertrud Kolmar, die jüdische Schriftstellerin. Ihr widmet sie das Bild "Reich der Kröte".
Nächtlich düster, aber von edelsteinartig-geheimnisvollem Glanz. Spiegelungen schaffen ein irritierendes Oben und Unten, Auf und Ab. Höhlen, Wände, Kästen sind getaucht in ein versöhnendes silbriges Licht.
Die Phantasie der Malerin taucht ein in die der Dichterin, nimmt sie ganz in sich auf. Auch wir erliegen diesem Zauber, ganz so wie Kinder dem Märchen.
Daneben ist es immer und immer wieder der unendliche Reich- tum der Natur, aus dem sie Inspiration erfährt, wenn Wälder, Felsen, Bäche zu Symbolen ihrer inneren Zustände geraten So vermag sie sich aber auch aus der Realität in die Schutzzone einer selbstgeschaffenen Wirklichkeit zu retten.
Wie für unsere frühen Vorfahren oder Naturvölker können auch für RenateJüttner Bäume, Felsen, Höhlen Orte von Mythen und Märchen sein, auf die sie Ängste projezieren kann, aus denen sie aber auch Kräfte zur Bewältigung des eigenen Lebens schöpft.
Vielen von uns heutigen ist eine solche Bindung an die Ursprünge verlorengegangen, in der zweiten, der künstlichen Welt, errichtet von Menschenhand.
Wenn aus "Winter im Wald" eisige Kälte ebenso spricht wie stille Erhabenheit, so drückt RenateJüttner damit aus, wie sehr sie eben diesen Verlust beklagt und zur Versöhnung mit der Natur mahnt.
Sehnsucht nach Versöhnung und Trost spricht auch aus dem "Requiem mit 54 Engeln". Aus dem Totengesang wird wie durch eine tiefere, transzendentale Weihe eine Hymne an die Hoffnung. Die festliche, zuweilen fast fröhliche Helle läßt Erinnerungen an das Engelskonzert des Mathias Grünewald vom Isenheimer Altar (1513 - 1515) aufkommen.
So fließt die Fülle malerischen Schaffens wie ein breiter Strom durch die Ebene der Gegenwart, begleitet, aber auch konterkariert von einem grafische CEuvre, in dessen Zentrum immer mehr Linoldrucke getreten sind.
Ihnen eignet ein herausfordernder Widerspruch aus poetischer. Transparenz und harter Kontur, herausgeschnitten "am besten mit meinem Taschenmesser oder mit dem Küchenmesser, das die abgebrochene Spitze hat...". Dabei aber ausgeführt mit großer Sorgfalt, denn jede, auch die kleinste Nuance und Struktur ge hört zum Bilderlebnis.
Es zieht den Betrachter zu den Bildern mit ihren konsequent flächigen Kompositionen aus mehrfach übereinandergedruckten Formen. Subtil und aggressiv zugleich, nicht episch ausgebreitet wie in den Gemälden, sondern pointierte short- stories.
Die Themen aber bleiben, wie könnte es anders sein: Menschen verstrickt in ihr Leben, das sie zu fassen und zu bewältigen haben oder an dem sie womöglich auch zerschellen.
Alles ist offen, vieles wird möglich- und so sind diese grafischen Blätter in ihrer geschlossenen Komposition bewußt fragmenta risch, damit auch mehrdeutig.
Dies schafft dem Betrachter Spielräume für die eigene Phantasie, läßt ihn die Bildwelt tiefgründig erobern. Dabei allerdings dringt er gewollt oder ungewollt immer tiefer in sein eigenes Ich vor, erlebt sich selbst womöglich neu.
Wenn sie ganz auf sich bezogen ihren inneren Visionen Gestalt gibt, erfaßt RenateJüttner in Wahrheit seismografisch.genau die Stimmung unserer Zeit.
Deshalb auch vermag uns ihr Werk in der ganz persönlichen Ansprache zu erreichen, ist ihr Wirken kein "vergebliches Unterwegs", wie sie selbst zuweilen glaubt. Es findet seinen Widerhall bei all jenen, die ähnlich fühlen und erleben, anderen hilft es wohl auch wieder, erlebnisfähig zu werden.
In den Bildern der RenateJüttner, ob Grafik oder Malerei, finden wir so eine der ursprünglichen Funktionen von Malerei wieder - die Imagination.

Hans-Peter Jakobson

Artist's Home   Artists   Kara Art Home