Pasolini und der Tod
by
Achille Bonito Oliva
Ich habe Pasolini im Jahre 1965 in Neapel bei einer Tagung
kennengelernt. Damals habe ich eines Abends, nach dem
Essen, auch sehr lange mit ihm gesprochen und dabei den
Eindruck eines Mannes von ausgeprägtem Taktgefühl und
sokratischer Unangepaßtheit gewonnen, der auch seine
Sanftmut gezielt einsetzten konnte, um mit anderen in
Kontakt zu treten. Wirklich angenähert habe ich mich dem
Werk Pasolinis erst durch Zigaina.
Zigaina hat mir vor einigen Jahren einen merkwürdigen
Vorschlag gemacht: mit ihm in New York eine Ausstellung
von Zeichnungen und Malereien Pasolinis zu
gestalten.
Als er mir diesen Vorschlag gemacht hatte, war ich zuerst
ziemlich perplex, denn ehrlich gesagt, ich schätzte Pasolini
sehr als Regisseur, aber den Romanschriftsteller, den
Erzähler und den Dichter Pasolini schon weniger, und ich
befürchtete, daß seine figurative Produktion die gleichen
ideologischen Laster aufweisen könnte - oder eben das,
was ich dafür hielt wie seine literarische Produktion.
Aber Zigaina ließ nicht locker und ich habe mir schließlich
diese Werke sehr genau angesehen und ich muß ehrlich
sagen, daß ich von ihrer Qualität und auch vom Ablauf, den
Zigaina vorgesehen hatte, sehr angesprochen wurde:
Vielleicht war es auch eine Falle für mich, aber eine sehr
wirksame und, so ich möchte sagen, auch eine äußerst
überzeugende.
Ich schrieb daraufhin einen Essay mit dem Titel
Difficoltà del'essere e grazia dell'apparire
{Schwierigkeit des Seins und Gnade des Scheins}, was eine
Anspielung auf den darin enthaltenen Schlüssel zur
Erschließung des Textes ist - ich habe das Buch von
Zigaina Pasolini e la morte {Pasolini und der
Tod} auf
merksam gelesen, Zigaina hatte mich aber andererseits noch
nicht in den vollen Umfang seiner Ausgrabungsarbeiten
eingeweiht, die er damals in der existentiellen und
kulturellen Produktion Pasolinis durchführte - dieser
Schlüssel in meinem Essay also kann aber auch den Zugang
zu jenem Vorzimmer öffnen, in welchem dann Zigaina
seine Theorien uqd seine Uberlegungen zu Pasolini
vorstellt.
Ich muß hier betonen, daß ich an Pasolini immer als einen
manieristischen Künstler gedacht habe, als einen
Stilkünstler, der Sprachen hervorbringt, ausgehend von der
Erinnerung an andere Sprachen. Pasolini also als Künstler,
dessen Bezirk die Sprache und zugleich die heroische
Anstrengung ist, durch die Sprache selbst in das Leben
vorzudringen.
Daher also der Spannungszustand und das Drama des
Künstlers Pasolini, der weiß, daß sein Wirken sich im
Raum der Metapher vollzieht, und der gleichzeitig ein
lebendiger Mensch ist, der mit Hilfe der Sprache zur
Wahrheit der Dinge vordringen möchte.
Dieses Jahrhundert hat, nach meiner Auffassung, im
Grenzbereich von Kunst, Literatur und Leben drei
besonders bemerkenswerte Figuren hervorgebracht:
D'Annunzio, Beuys und Pasolini.
Berücksichtigt man im Fall von Beuys seinen deutschen,
durch Schiller geprägten kulturellen Hintergrund, so wird
klar verständlich, daß die Kunst und das Asthetische hier
als Erziehung, auch als Erziehung der Massen, verstanden
werden; die Kunst ist also Werkzeug und Waffe, womit
man den sozialen Körper ebenso zu formen vermag, wie
man einer Skulptur ihre Form gibt. Wir haben es hier also
mit dem Künstler als Demiurgen zu tun, der sich auch mit
der Autorität dieser Haltungsgeste ausstattet. Er ist also
ein großer romantischer Künstler. Was nun D'Annunzio
und Pasolini betrifft, so können wir sie, bei allen
Unterschieden, die zwischen den beiden bestehen, nach
meiner Auffassung - vor allem wenn man eine bestimmte
Tradition berücksichtigt -, als prophetische
Dichterfürsten betrachten: als Interpreten ihrer
Auf der einen Seite der Dichterfürst aus Marmor, der
Soldat D'Annunzio, der auch - bei seinem von Nietzsche
beeinflußten kulturellen Hintergrund - eine Einzigartigkeit
anstrebte, die ihn über alle anderen erheben sollte, was ihn
somit zu einem unbefangen antidemokratischen Künstler
macht. Dagegen auf der anderen Seite der Demokrat
Pasolini (demokratisch im Sinn eines Menschen, der sich
zwar wie die anderen fühlt, aber seine Erfahrung auch in
einer Form von Nahkampf mit den anderen macht, das
heißt in einer Beziehung auf gleicher Ebene und nicht in
einer hierarchischen Ordnung). Einerseits also D'Annunzio,
der in der Folge häufig als Künstler oder Literat, als ein
"dekadenter" Dichter, fast im Sinne des 19. Jahrhunderts
gesehen wurde. In Wirklichkeit ist D'Annunzio jemand, der
die Kulturindustrie vorweggenommen hat (hier war Balzac
sein Vorgänger), der Auftragsarbeiten schrieb, den Namen
für das Kaufhaus "Rinascente", für den Likör Aurum und
Amari fand, der das Copyright zu seinem zweiten Beruf
machte, der bestrebt war, die Sprache jeder nur möglichen
produktiven Verwertung zuzuführen, dessen
Selbstwertgefühl darunter litt, daß er sich
zugegebenermaßen als Ubermensch sah, aber daraus
geschäftstüchtig Nutzen zog, in einer Gesellschaft, die
immer deutlicher der Vermassung und Industrialisierung
zustrebte.
Auf der anderen Seite haben wir einen Dichterfürsten
Zeit und als Propheten einer Zukunft, die sie selbst nicht
erleben werden, aber in ihrem Verhalten vorweggenommen
haben.
Beide sind Künstler, die geschrieben haben - und ich
möchte gleich an dieser Stelle den Umstand würdigen, daß
Zigaina als erster darauf hingewiesen hat. Pasolini ist ein
Künstler, der Schriften und Sprachen geschaffen hat, auch
durch sein Verhalten; was in gewisser Weise ebenso für
D'Annunzio gilt, wenn er mit seinem Verhalten eine Art
von Denkmal für sich selbst realisierte, dabei unterstützt
von der Größe seiner literarischen und poetischen
Aktivitäten.
Uberschreiten und organisieren
Trasumanar e Organizzar ("überschreiten und
organisieren") ist der Titel eines 1971 erschienenen
Gedichtbandes, der ebenso wie viele andere Titel Pasolinis eine
tiefere Bedeutung besitzt.
Auf eine Frage des französischen Schriftstellers Jean Duflot, der
ihm in einem Interview vorwarf, daß er sich zu sehr den
Problemen des Mythos widme (Edipo Re - Bett der Gewalt,
Medea, Pylades etc.) antwortet Pasolini: "Alles was
mythisch ist, ist auch realistisch, und umgekehrt". Er
führt das Beispiel des Heiligen Paulus an, der, obwohl er ein
großes mystisches Erlebnis hatte (die Blitzerscheinung auf der
Straße von Damaskus), auch der Organisator und Mitgestalter
der Kirche war. Laut Pasolini bedeutet das, daß die
Trasumanizzazione/Uberschreitung (die
mystische Erfahrung von Paulus aus Tarsus) die andere
Seite der Organisation ist.
Der Dichter und Regisseur meint damit, daß Trasumanar e
Organizzar einem Januskopf gleicht. Auf der einen Seite
Uberschreitung, auf der anderen Organisation.
Der Titel kann somit von links nach rechts (Trasumanar e
organizzar) oder von rechts nach links (organizzar e trasumanar)
gelesen werden. Da es sich jedoch (im Italienischen) um ein
transitives Verb (organizzare/organisieren) und ein
intransitives Verb (trasumanare/überschreiten) handelt, wird
das letztere ein substantiviertes Verb, das Akkusativobjekt des
ersten. Und so ergibt sich die wahre und einzige Bedeutung des
Titels:
"Das Uberschreiten organisieren"
aus Fleisch und Blut: Pasolini. Dieser verwendet die Schrift
des Körpers; diese durchdringt seine literarische
Produktion, sein Filmschaffen, die Romane, seine
Freibeuterschriften, das heißt seine Beiträge im "Corriere
della Sera", also eine doppelte Schrift mit der Eigenschaft
des inneren Zusammenhangs: Es ging ihm nicht um das
Auseinanderklaffen von Kunst und Leben, sondern
vielmehr um jene Möglichkeit, die Zigaina, der sich dabei
auf den Wortgebrauch Pasolinis stützt, die "Lust an der
Kontamination" nennt.
Und gerade dieses Wort führt mich und uns in ein
kulturelles Szenario ein, das uns allen sehr nahe steht.
Pasolini ist einer, der die Mängel und Laster der
industriellen Zivilisation untersucht und benennt - deshalb
wurde er häufig als der letzte nostalgische Sänger einer
nicht mehr tragfähigen bäuerlichen Zivilisation
mißverstanden - und merkwürdigerweise dadurch zum
Vordenker der Szenarien der Postmoderne wird. Die
Kontamination ist, wie wir wissen, gerade jenes Verhalten,
das mit der Feststellung zusammenhängt, daß es keine
feststehenden Bezugspunkte und sicheren Werte mehr
gibt, daß keine Ideologie mehr hält und kein Parameter aus
Marmor mehr da ist, an dem man sich anhalten könnte: Die
Geschichte entwickelt sich nicht mehr entlang geradliniger
Pfade, sondern wie von Ellbogenstößen hin- und her-, vor-
und zurückgetrieben: widersprüchlich. Die Kontamination
erfolgt bei Pasolini also sowohl durch diese zwei Ebenen
der Schrift, Alltagsschrift und Einzigartigkeit der Sprache
der Hochkultur, als auch, nach meiner Auffassung, durch
die Vielgestaltigkeit seiner Aktivitäten: die
Wiederaufnahme einer Art neohumanistischer Produktion,
die in der Lage ist, quer durch alle Bereiche schöpferisch
tätig zu sein, von der Literatur über die Dichtung, den
Film, bis zum journalistischen Engagement. Allerdings
bedeutet Kontamination keines wegs Konfusion.
Kontamination bedeutet jedenfalls die Akzeptanz des
Widerspruchs.
Pasolini hat seine Widersprüche bis zum Exhibitionismus
in Szene gesetzt. Er hat versucht, den
Kurzschluß zwischen Kunst und Leben, zwischen sich
selbst und den anderen Menschen darzustellen. Und ich
würde hinzufügen, daß er dies in jener religiösen Haltung
der katholischen und gegenreformatorischen Art getan hat.
Andererseits erklärt sich Pasolinis Wertschätzung für den
Manierismus - für Pontormo - auch in Hinblick auf diesen
Zusammenhang. Er lebte seine Homosexualität offen aus,
nicht weil er sie akzeptiert hätte, sondern weil er
beschlossen hatte, sie in Szene zu setzen, in die
Öffentlichkeit zu tragen, in all seiner Zerrissenheit und
Widersprüchlichkeit.
Er verhielt sich eben wie ein Dichterfürst, der für sich das
Recht beansprucht, jede mögliche Aktion hervorzuhringen,
jede Geste, und zwar aufgrund der Notwendigkeit, den
Konflikt, die Zerrissenheit und den Widerspruch offen zu
bekennen (mein Hinweis auf ein bestimmtes
Glaubensbekenntnis erfolgte also nicht zufällig). Er
benutzte die skandalöse Anwesenheit des anderen, des
Zusehers, als eine Ausformung liebender Nähe - es ist kein
Zufall, daß Zigaina hier den Begriff der Heiligkeit des
Zusehers eingeführt hat.
Die Heiligkeit des Zusehers besteht nicht in seinem
Einverständnis - im Gegenteil, der Zuseher kann auf den
Skandal auch empört reagieren, und so hat es Pasolini auch
zeitlebens erfahren -, sondern sie entsteht gerade im
Skandal als Form der Beteiligung, in der aktiven
Anwesenheit des anderen und nicht in dessen schlichter
Funktion als neutraler Spiegel. Es geht also um eine
formbare, flexible Anwesenheit, die auf die Aktion reagiert
und zugleich ihre Antwort darstellt. Es geht kurz gesagt
darum, daß Pasolini sich nicht so fühlen muß, als sei er
allein in einer Wüste.
In gewisser Weise ist Pasolini erfüllt vom Mythos der Tat;
es ist dies ein Mythos, der den Entwicklungsschritten der
dekadenten Kultur eingeprägt ist. Die Tat als Ausdruck
verzweifelter Spannung ist die einzige Möglichkeit, ein
zerbrochenes und widersprüchliches Leben vor dem
vollständigen Verschwinden zu bewahren. Also kann nur
eine starke Geste den Dingen Dauer
verleihen und diese selbst erfahrbar machen. Was aber ist
nun der Unterschied zwischen diesen beiden Dichtern?
Nehmen wir zum Beispiel den militärischen Husarenstreich
D'Annunzios im Ersten Weltkrieg {als "beffa di Buccari"
Teil der italienischen Heldengeschichte jener Zeit; Anm. d.
U.}: Hier haben wir die Einzigartigkeit, die starke Geste,
die Geste des Ubermenschen, der die anderen nur als
Spiegel benützen will. D'Annunzio ist wirklich der Dichter
als Soldat, der sich die Eroberung der Gesellschaft
vorgenommen hat.
Pasolini ist in gewisser Weise der Künstler, der erobern
und erobert werden will. Seine Arbeit umfaßt den
Austausch und die Dialektik, den Zusammenprall, aber
auch das Zusammenfließen. Pasolini ist ein Dichter, aber
nicht ein "Gesellschaftsdichter", wie ihn Moravia genannt
hat; um diesen Mythos der Tat und die Vorstellung der
Kontamination Pasolinis verstehen zu können, muß man
Hinweise und Bezüge aufgreifen, welche die Alchemie
betreffen.
Und damit wären wir endlich in das Zimmer von Zigaina
vorgedrungen, in welchem dieser alles zur Lektüre des
Werks - des Lebens-Werks von Pasolmi - vorbereitet hat.
Er bezieht sich dabei auf das kulturelle Universum der
Alchemie, jenes Universum, das durch die Kontamination
wirkt, dabei die Umwandlung der Elemente strategisch
einsetzt, um so von einem tieferen zu einem höheren
Zustand zu gelangen. Er verwendet jenes Verfahren, das
auch dazu neigt, eine Vermischung von Hohem und Tiefem
zu erzeugen, von Materie und Geist; also auch die
Kontamination verschiedener Niveaus.
Tatsächlich schlägt uns Zigaina eine Lesart des Todes von
Pasolini als gewaltsamer, offen zur Schau gestellter Tod
vor, die demonstrative Zurschaustellung eines Körpers, der
sich so sehr in Sprache verwandelt, daß er die Form des
Todes als Ubergang annimmt. Es handelt
sich also um einen Vorgang der Kontamination, der
Transformation, vom Augenblick des Lebens in jenen des
Todes.
Und in diesem Zusammenhang erzählt Zigaina eine äußerst
aufschlußreiche Episode aus der Zeit, als
Pasolini sich zu Dreharbeiten des Dekarneron in Bozen
befand: Zigaina wird von Franco Rossellini, dem
Produzenten dieses Films, angerufen und aufgefordert,
sofort nach Bozen zu fahren, weil Pasolini die
Dreharbeiten unterbrochen hat und unter allen Umständen
verlangt, daß Zigaina die Rolle des Beichtvaters
übernehmen soll. Zigaina, ein alter Widerstandskämpfer,
Antifaschist, ohne konfessionelle Bindung, sagt zunächst
"Ja wie denn? Schau ich vielleicht wie ein Priester aus?" Es
kommt ihm der Verdacht, daß ihm Pasolini einen, wenn
auch freundschaftlichen, kleinen Streich spielen will. Den
wahren Grund erfährt er erst später, im Verlauf der
Dreharbeiten, in Augenblicken, die erfnllt sind vom
Schweigen oder vom trockenen Gelächter Pasolinis über die
verschiedenen Gesichtsausdrücke, die der arme Zigaina
darzustellen versucht. Erst dann also beginnt er den Grund
für seine Auswahl zu verstehen. Es geht dabei um die
Verfilmung jener Episode im Werk Boccaccios, in der ein
Killer, dargestellt von Franco Citti, in den Norden reist, um
jemanden zu ermorden, den er nicht kennt. Er lernt sein
Opfer kennen, begleitet den Mann zum Abendessen, dieser
merkt aber nichts, und während sie essen, beginnt jener
darüber nachzudenken, wie er ihn umbringen könnte. Aber
es kommt anders: Dem armen Killer wird schlecht, so sehr,
daß er glaubt, sterben zu müssen, und er verlangt einen
Beichtvater. Durch diese Geschichte, durch die Sprache,
die Pasolini dabei anwendet, bemerkt Zigaina, daß in
diesem Fall er, der Beichtvater, eben jener heilige Teil ist,
von dem Pasolini spricht, dieser andere, der in der Lage ist,
sich auf das Anderssein einzustimmen, der jene Beziehung
aufbaut, die Zigaina immer mit Pasolini verbunden hat, aber
ohne jene gewalttätige Notwendigkeit der Identifikation
(die eine andere Form der Ubertretung ist), sondern unter
Achtung der Andersartigkeit und mit jenem notwendigen
Zwischenraum, der zu jeder komplementären,
sadomasochistischen Beziehung von zwei Personen
erforderlich ist.
Aus diesem Bbckwinkel hilft uns Zigaina zu verstehen'
wie der andere, der Zuseher, der Leser, der Mörder und wir
könnten uns hier auch ungewollt auf Pelosi {den Mörder
Pasolinis; Anm. d. U.}beziehen -, derjenige ist, der von
Pasolini dazu eingesetzt wird, den letzten Akt einer
ganzheitlichen Sprache zu inszenieren, in welcher Kunst
und Leben zusammenfließen und dabei dem letzten
Augenblick des Todes Form geben, einem gewaltsamen
Tod, der allein in der Lage ist, die Lebensbahn Pasolinis in
kohärenter Weise zu schließen. Und Zigaina sagt uns,
warum es gerade der Tod sein muß. Es stimmt, wenn er
sagt, daß das Kunstwerk immer eine Formalisierung ist, die
einen bestimmten Raum einfrieren und festhalten will, ein
linguistisches System, das den
Kommunikationsbeziehungen entzogen und zum Zwecke
der zukünftigen Erinnerung in einer Form eingefroren wird,
die an die Totenstarre erinnert. In gewisser Weise
verwandelt sich Pasolini selbst zur Oberfläche seiner
Geste, zum Zeichen seines Körpers, wobei er seinen
jugendlichen Mörder nicht als Henker einsetzt, der ihn aus
dem Lebensraum eliminiert, sondern als Werkzeug, das in
der Lage ist, in das Leben (und über dieses hinaus) eine
weitere Bresche zu schlagen und durch die Kontamination
einen begehbaren Ubergang zu schaffen. Also durch die
Transformation.
Offensichtlich ist diese Konzeption von einem großen
narzißtischen Impuls gekennzeichnet. In der Inszenierung
dieses Ubergangs durch einen gewaltsamen, zur Schau
gestellten Tod in ein Leben auf einer höheren, weiteren und
endgültigen Phase, sieht Pasolini im Spiegel der Zukunft
sein Bild als ein Abbild der Dauer; andererseits ist es
gerade der Tod, der Dauer verspricht, der jeden
Transformationsprozeß aufhalten und unterbinden kann,
der ein bewegtes System in einer äußersten Formalisierung
einzufrieren vermag, die sich dann im objektiven Sinn
durchsetzen wird.
Für Pasolini ist die Realität nicht die alltägliche Trägheit,
keine Substanz, die nur in der Gegenwart lebt, sondern sich
im dauernden osmotischen
Austausch auch mit dem Element des Mythos befindet.
Technik und Mythos sind die beiden Schwächen Pasolinis,
die er selbst eingestanden und bekannt hat, wenn er davon
spricht, daß er im Tal Josaphat die Schwächen seines
Gewissens gegenüber der Technik und dem Mythos
bekennen wird müssen. Die erste bezeichnet das Verhältnis
zur Realität, zum Tun, zur Transformation, zur Aktion,
zur Durchdringung, während der Mythos offensichtlich die
Hinwendung zur Geschichte und zur Kultur darstellt.
Nun ist es interessant festzustellen, daß Pasolini durch
diesen Kurzschluß auch seinen Tod in jenen Raum des
Mythos einfügt, der Kontinuität garantiert, was wohl der
ganz tief sitzende Antrieb ist, der das Werk eines jeden
Künstlers begleitet. Der Mythos ist das, was den Künstler
dazu führt, Sprachen zu entwickeln und zu produzieren,
und auch die Fähigkeit zu erwerben, den Tod
herauszufordern. Pasolini ist hier bis zum Paradoxon
vorgedrungen, den Tod durch seinen Tod herauszufordern;
er hatte nämlich begriffen, daß er durch die Verschränkung
von Werk und Leben, aber auch durch die Verwendung
seiner eigenen Sprache in subjektiver Weise, den Körper als
objektive Sprache einsetzen kann, die ein Ereignis
auszulösen vermag: Dieses würde dann als Verbrechen, als
gewaltsamer Tod in der Zeitung stehen. Andererseits ist ein
gewaltsamer Tod wie ein starker Scheinwerfer, dessen
Licht eine Wüste der Dunkelheit durchdringt und eben das
aufzeigt, umschreibt und exemplarisch hervorhebt, was sich
unter diesem gewaltsamen Licht ereignet. Denn
offensichtlich ist die Reise Pasolinis eine Reise, die es ihm
in ihrer Einzigartigkeit erlaubt, der Trägheit des Alltags zu
entfliehen, auch den Widersprüchen (aber eben jenen
Widersprüchen, die mit der Banalität des Alltages
zusammenhängen, mit dem Ephemeren), um sich in die
Dauer der Geschichte einzufügen. Aber für Pasolini ist die
Geschichte der Mythos: allerdings nicht jene Geschichte,
die in positivistischer Lesart als Ergebnis des
Klassenkampfes oder rein wirtschaftlicher und militärischer
Ereignisse verstanden wird, son
dern als gereinigte Zeit, die sich durch den Raum der
Phantasie hindurch als Sediment niederschlägt, durch jenen
Raum, der eben von der Phantasie des Künstlers
bewohnbar gemacht und bewohnt wird. In einer
bestimmten, paradoxen Weise will Pasolini durch seinen
gewaltsamen und zur Schau gestellten Tod eine Art von
Ordnung errichten, ausgehend wohl auch von einem
religiösen Antrieb, der ihm offensichtlich innewohnt. Für
ihn bedeutet das nun, sich in einen Bereich zu begeben, wo
der Konflikt des Fleisches, der Skandal der
Homosexualität, das Gefühl seiner Andersartigkeit sich
beruhigen und in der Zurschaustellung seines Körpers
entspannen kann. Pasolini, das Lamm Gottes, das sich
töten läßt als einer, der seinen Tod plant. Und er plant ihn
nach den Eingebungen einer biologischen Schläue, nicht
nach den Ubertretungsmustern jenes armen
Subproletariats, mit dem er sexuellen Umgang hat, von dem
er eine Leistung verlangt, die nach dem Ehrenkodex dieses
Subproletariats nicht erlaubt ist. Seine biologische Schläue
ist vielmehr, um es so auszudrücken, mit einer Art von
Annäherungsstrategie an den Tod verbunden.
Pasolini erlebt sehr früh das Trauma der Ermordung seines
Bruders durch Partisanen, er trägt die Last eines Klimas, in
welchem das Prinzip des Todes als Prinzip der Reinigung
überwiegt, des Ubergangs von einem gasförmigen,
niedrigen, materiebehafteten Seinszustand zum hohen
Zustand der äußersten Geste, in welchem eben alles
gereinigt wird.
Und hier gibt uns Zigaina einen weiteren Schlüssel, um
diesen Gedankengang zu verstehen, wenn er Pasolini zitiert
(es geht nicht so sehr um den berühmten Satz "Die Welt
will mich nicht mehr, aber sie weiß es nicht", der aber doch
eine Vorstellung davon gibt, wie sehr er es schon immer
verstanden hat - und in diesem Sinne spreche ich von
biologischer Schläue -, den Zusammenprall mit der Realität
zu nutzen, sich auch in die Falten der gesellschaftlichen
Gleichgultigkeit einzuschleichen, um sie in den Skandal, in
den liebenden oder prüfenden Blick kippen zu lassen):
Zigaina zitiert
einen Satz Pasolinis, in welchem es um die Freiheit
des Menschen geht, wobei dieser in paradoxer
Weise, wenn man ihn oberflächlich liest, eine
Position des Mißtrauens einzunehmen scheint, wenn
er sagt, daß der Mensch die Freiheit nicht liebt. Es ist
aber klar wie dieser Satz zu verstehen ist: Wenn man
von Freiheit spricht, spricht man von der "Freiheit,
den Tod zu wählen", also von einer Tat der
Aneignung, die nur wenigen mit Vorsatz und
Strategie gelingt. Der natürliche Tod liegt somit
außerhalb dieser stoischen Entscheidung: Der
natürliche Tod ist ein erlittenes, kein geplantes
Ereignis, es kann auch nicht zur Schau gestellt
werden. Der Selbstmord erzeugt, wie Pasolini selbst
sagt, "eine Leere, die von der schlechtesten Qualität
des Lebens sofort ausgefullt wird". Nur del zur Schau
gestellte, gewaltsame Tod ist jener Kurzschluß, der
es durch das Prinzip der Kontamination ermöglicht,
vom Leben in den Tod vorzudringen, einen Dialog
mit dem anderen (dem Beichtvater) aufzubauen, den
liebenden Dialog mit dem Zuseher, und die
Grausamkeit in Heiligkeit zu verwandeln. Dadurch
wird nicht nur die eigene Existenz erlöst, sondern
auch, mit einer weiteren Liebesgeste, der gesamte
Gesellschaftskörper.
Anmerkung der Herausgeber: diesem
Text liegt eine frühere, teilweise abweichende
Fassung des italienischen Originals zu
Grunde, das in diesem Server abgedrukt ist.
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