pier paolo pasolini

Pier Paolo PASOLINI 



Pasolini und Sanguineti : Eine Polemik in Prosa (1/3)
von
Giuseppe Zigaina

Pasolini wurde in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen des Jahres 1975 auf einem Fußballfeld an der Peripherie von Ostia getötet. Aus Mangel oder Überfluss an Zeugen konnte das Verbrechen nie glaubhaft rekonstruiert werden, sodass es, trotz des Geständnisses des mutmaßlichen Mörders, bis heute zu den mysteriösesten Kriminalfällen Italiens zählt.
Ohne allzuweit in die Vergangenheit zurückzugehen, könnten wir auf den Fall Cagliari verweisen, dessen „Selbstmord" sich mehrmals als „Mord" darstellte und umgekehrt. Aber während bei Cagliari, jenem Finanzmanager, der in der Krankenabteilung eines Gefängnisses tot aufgefunden wurde - sein Kopf steckte in einem Plastiksack -, ein Satz in einem an die Ehefrau gerichteten Brief genügte, um die Untersuchungsbehörde für erstere Version plädieren zu lassen, sind die Erklärungen Pasolinis, die sich auf seinen Tod bezogen, nie ernst genommen worden. Dennoch entsprechen die beiden Botschaften einander - jene Cagliaris, in der er seiner Frau den Entschluss mitteilte, mit dem Leben abschließen zu wollen, und jene, die Pasolini an die Welt richtete, um seine Absicht mitzuteilen, „sich auszudrücken und zu sterben": Auf kommunikativer Ebene haben sie dieselbe Bedeutung.
Man könnte einwenden, dass der Brief Cagliaris deshalb als Beweisstück anerkannt wurde, weil er von ihm selbst eigenhändig geschrieben war, während die Botschaften Pasolinis, die verstreut in seinen Werken gedruckt sind, verhängnisvollerweise in die Phantasiewelt der Dichter verwiesen wurden. Tatsache ist, dass keinem der Untersuchungsrichter in den Sinn kam, die nützlichsten Hinweise auf dem Weg zur Wahrheit über das Verbrechen von Ostia könnten vom Autor in seiner multimedialen, mythischen Erzählung versteckt (oder dreisterweise offengelegt) worden sein.
Nehmen wir jetzt einmal an, unter diesen Ermittlern, die mit dem Fall Pasolini befasst waren, hätte sich - um eines seiner Worte zu gebrauchen - ein „Meisterfahnder" befunden. Was hätte dieser gemacht? Er hätte, klarerweise, Nachforschungen angestellt über den geständigen Mörder und das von ihm frequentierte Milieu, aber er hätte sich auch damit beschäftigt, die wesentlich vielschichtigere Persönlichkeit des Schriftstellers zu untersuchen. Und so hätte er seine Werke, wenn er sie mit der Absicht, sie zu verstehen, das heißt, ihnen wichtige Informationen zu entnehmen, gelesen hätte, auf einer vorwiegend kommunikativen Ebene analysiert. Zum Beispiel hätte der ideale Detektiv, nachdem er in einer Buchhandlung den Text auf der Umschlagseite von Poesia in forma di rosa - „ein Buch ... der Themen, Tränen und Prophezeiungen ..." - gelesen hätte, den Band durchgeblättert, und sein Blick wäre auf, sagen wir, die folgenden Verse gefallen: „Ich betrachte mich selbst als Niedergemetzelten mit dem kühlen Auge des Wissenschaftlers". Datum: 21. Juni 1962. Dann aber, als er gemerkt hätte, dass es sich um eine Art Tagebuch in Gedichtform handelte, hätte er, neugierig geworden, auf den Titel des Gedichts geschaut: Weltliche Gedichte. Er hätte sodann gesehen, dass am 23. April desselben Jahres der Autor folgende Zeilen geschrieben hatte:

Wenn die Sechziger Jahre / verloren gegangen sein werden wie das Jahr Zweitausend, / und mein Leib / Gebein geworden sein wird, / das nicht einmal mehr Sehnsucht hat nach der Welt, / was wird dann mein „Privatleben" noch zählen, / armselige Gebeine ohne Leben / weder privat noch öffentlich, Erpresser / was wird es zählen! ... Ich werde, nach dem Tod, im Frühling, / die Wette gewinnen ...

Zeilen, die gewiss keine isolierten und verschrobenen Metaphern waren, sondern auf folgende unglaubliche Vorstellung zurückgeführt werden können:

Die Vorstellung, einen Film über deinen Selbstmord zu drehen, / dröhnt durch die Jahrtausende ... sie knüpft, in der Vergangenheit, / an Shakespeare an ... sie ist Sex, lüstern und zart ... / Der Protagonist ist geschlachtet. (25-4-1962)

Hier hätte der Fahnder, wenn er ein wenig über die logischen Zusammenhänge, die zwischen den einzelnen Aussagen bestehen, nachgedacht hätte, nicht nur die Sinnhaftigkeit des Diskurses, sondern auch dessen auffällig realistischen Charakter bemerken können; und sich dazu verleiten lassen, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, dass die Vorstellung des Dichters, den eigenen niedergemetzelten Körper durch das Objektiv der Filmkamera zu betrachten, tatsächlich dem Protagonisten, das heißt dem Dichter selbst, „die ganze Zartheit der Lüsternheit" verschaffen - und sogar der Eingangsforderung - „genieß auch diesen Schmerz" - Sinn verleihen könnte. Mehr noch, die mehrfache Wiederholung der drei Pünktchen hätte ihm einen Abgrund an nicht gesagten Dingen aufgetan, die geradezu unglaublicherweise an Shakespaere anknüpfen würden ... Das eben im Inhaltsverzeichnis entdeckte Poem für einen Shakespeare-Vers hätte ihm etwas dazu verraten können. „Der Vers" - hätte er sich gefragt - welcher könnte denn der Shakespeare´sche Offenbarungs-Vers sein?" Und so weiter.
Weiters wäre unser idealer Detektiv, um weiterzukommen, mit seinen Gedanken instinktiv zu der Nacht zurückgekehrt, in der „der Protagonist geschlachtet (worden war)", und hätte dort, im wiedergespiegelten Licht Ostias, Pasolini (oder seinen Doppelgänger) gesehen, wie er „mit dem kühlen Auge eines Wissenschaftlers" (das heißt eines, der weiß, was er will, und weil er es weiß, dieses Massaker genießen will) seinen eigenen niedergemetzelten Körper betrachtet hätte ... Dabei aber wäre sein Blick, wie es oft beim Lesen geschieht, von anderen merkwürdigen Informationsträgern angezogen worden:

Ich arbeite den ganzen Tag wie ein Mönch / und in der Nacht, wie ein läufiger Kater / auf der Suche nach Liebe ... Ich werde der Kurie / vorschlagen, mich heilig zu sprechen.

Die Frage, die sich aufdrängt, lautet: „Welche Beziehung besteht zwischen der von Pasolini angesprochenen Heiligkeit und der Orgie, die er jede Nacht wie ein Ritual wiederholte?" Und weil er - der ideale Detektiv - sich erinnert hätte, dass Orgie der Titel einer Ende der Sechziger Jahre vom Dichter-Regisseur verfassten Tragödie ist, hätte er diese zur Hand genommen; und beim Lesen entdeckt, dass die Frau in Orgie (jene, die sich ihm später als die irrationale Seite des Autors offenbaren würde) sich mit folgender Bemerkung an den Mann (seine andere, rationale Seite) wendet:

Unsere Realität ist also nicht jene / die wir mit unseren Worten ausgedrückt haben: sondern jene, die wir mittels unserer Körper ausgedrückt haben / wie Schauspieler! Ich das Opfer, du der Henker. / Das Opfer, das sterben will, du; der / Henker, der töten will, ich.

In der Tragödie sitzen Mann und Frau an einem späten Sonntagnachmittag in einem Zimmer und unterhalten sich. Der Fahnder aber sieht, während er ihren Worten „lauscht", wiederum auf dem Bildschirm seiner Erinnerung das reale Bild des Fußballfeldes am Meeresufer, wo Pasolini selbst vorgehabt hatte, eine Kamera aufzustellen, um die Szene seiner Tötung zu drehen. Er hatte dies in dem ihm eigenen Jargon in einem Aufsatz aus dem Jahr 1967 mit dem Titel Ist Sein natürlich? erklärt.

Nun, ich stelle eine Tonkamera dorthin, wo ein erbärmlich naturalistischer, leibhaftiger Zeuge stehen könnte, und filme die ganze folgende Szene, wie er sie sehen und erleben würde,bis zum Verschwinden des Autos in Richtung Ostia. (Hervorhebung G.Z.).

„Welches Auto?" würde er - der ideale Detektiv - sich fragen.
Und wenn er den oben zitierten Aufsatz weiterlesen würde, käme er auf das Exempel, in dem der Autor das „Syntagma" seines Lebens zusammenfasst.

Ein Mann gibt einer Frau eine Ohrfeige, steigt ins Auto und fährt auf der Autostrada del mare davon.

Und wieder wäre er gezwungen gewesen, sich zu fragen: „In wessen Auto fährt der Mann auf die Autostrada del mare, die Verbindungstraße Rom-Ostia? In seinem oder in dem der Frau?"
Als leidenschaftlicher Leser Freuds hätte Pasolini, nehmen wir mal an, befragt, wie er seine „letzte Tat" beschreiben würde, geantwortet, er habe sie in einem Witz zusammenfassen wollen, denn die Selbstironie trage wesentlich zur Schonung der psychischer Energien bei. Tatsächlich kann eine derart präzise Vorwegnahme der Dynamik des eigenen Todes, die er, mit vielen anderen Details erhärtet, in den verschiedenen Notizen zu Petrolio beschreiben hat, nur als Galgenhumor bezeichnet werden. Daher muss in diesem Fall „Ohrfeige" als „kleines Detail im Vergleich zu Ganzen" verstanden werden, während „Frau" zum Beispiel für „Homosexuellen" steht; oder für den Mann, der, als er sich am Ende von Orgie umbringt, „einen guten Gebrauch vom Tod" macht.
Am Ende einer derart verwirrenden Lesart hätte sich unser Detektiv hingesetzt und - lange - über einen Gedankengang des Schriftstellers nachgedacht, der ganz den Anschein einer poetischen Erklärung hat.

Die Autoren des Neuen Kinos sterben nicht genug in ihren Werken: sie werfen sich hin und her, sie winden sich in Angst und Schmerz oder ringen vielmehr schon mit dem Tod, aber sterben tun sie in ihnen nicht. Deshalb bleiben ihre Werke Zeugnisse eines Leidens am absurden Phänomen der Zeit, und können in diesem Sinne nur als ein Ausdruck des Lebens verstanden werden.

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Jetzt, nach diesen Entdeckungen - die nicht enden könnten, so zahlreich sind die von Pasolini in seinen Werken gesäten Indizien - kehren wir zu den Ermittlern, den Richtern und Anwälten zurück, zu all jenen eben, die es gewohnt sind, die gängige Sprache der Zeugnisse und Bekenntnisse nur in den Gerichtssälen zu analysieren.
Sie wären ein wenig in Verlegenheit gewesen angesichts der vertraulichen Mitteilungen des Autors, die wir eben gehört haben. Und in ihrer Ratlosigkeit angesichts eines so einzigartigen Zeugnisses wären sie nicht in der Lage gewesen, das darin liegende sprachliche Projekt mit all seinen Hinweisen, Verweisen und rückhaltlosen Ankündigungen zu erfassen; die Texte eben so zu durchforschen wie es nur jemand könnte, der - nehmen wir an - in der Überzeugung, dass sich in ihnen der Schlüssel zum Rätsel verbirgt, seine eigene Unfähigkeit erkennt, sie zu entziffern und sich dazu entschließt, Hilfe zu suchen. Der Präsident des Gerichtshofes hätte in so einem Fall veranlasst - wie es übrigens in all den Bereichen der Wissenschaft üblich ist, die nicht von den Personen beherrscht werden können, die die Justiz verwalten -, einem Gutachter, in diesem Fall einem Literaturkritiker den Auftrag zu erteilen, die Logik des Pasolini´schen Jargons zu entschlüsseln ...
Ein Traum, wie wir wissen, leider nur ein Traum. Denn in Wirklichkeit hat die orthodoxe Justiz den Sieg über die „Ketzererfahrungen" davongetragen. So hat schließlich die schriftliche wie mündliche Botschaft Cagliaris aus einem dunklen Tod einen klaren Selbstmord gemacht, während die ebenfalls schriftlich und mündlich, aber weitaus ausführlicher - was Auftraggeber und Motive betrifft - dargestellte Botschaft Pasolinis ignoriert wurde, als hätte es sie nie gegeben.

**** Folge ****



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