art bulgaria

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art bulgaria Ich kenne Svetlin Russev seit Anfang der 80er Jahre. Das war die Zeit, als ich begann, mich für die graphische Kunst Bulgariens zu interessieren, mich in sie zu verlieben und dann auch zu sammeln.

Schon beim ersten Besuch in Sofia konnte ich einen wundervollen Abend in Svetlin Russevs kulturvollem Haus erleben. Bild um Bild, Zeichnung um Zeichnung wurde betrachtet. Tiefe Ehrfurcht vor seinem Schaffen und das beglückende Gefühl menschlicher Bereicherung erfüllten mich am Ende dieses Tages.

Es gab weitere Begegnungen mit ihm und seinen Werken. Der Zwang, ja die Aufforderung seiner Bilder, sich mit ihren Inhalten zu beschäftigen und auseinanderzusetzen war jedesmal neu und packend zugleich.

Ich habe seine Heimatstadt Pleven, im nördlichen Bulgarien an der Donau gelegen, besucht. Svetlin Russev hat seiner Vaterstadt große Teile seines Kunstbesitzes vermacht, die dort in einem eigenen Museum liebevoll gepflegt werden.

Bei diesen ersten Besuchen in Bulgarien habe ich zudem die Gunst gehabt, Svetlin Russevs Lehrer, den verehrungswürdigen Altmeister der bulgarischen Kunst dieses Jahrhunderts Detschko Usunov kennenlernen zu dürfen. Eine Fügung des Schicksals muß es gewesen sein, die den jungen hochbegabten Studenten Svetlin mit dem großen Künstler und begnadeten Lehrer Detschko Usunov zusammenführte. Diese fruchtbare Begegnung ließ für die bulgarische Gegenwartskunst eine neue Kraft entstehen, die der ohnehin bemerkenswerten bulgarischen künstlerischen Schaffensstärke einen zusätzlichen, wenn nicht sogar entscheidenden Schub verlieh. Detschko Usunov wurde der prägende Lehrer für Svetlin Russev.

art bulgaria Schon als junger Künstler erhielt er gerade 28-jährig die Goldmedaille einer Ausstellung junger Künstler in Sofia. Mehr und mehr wurde sein Werk bekannt. Ausstellung reihte sich an Ausstellung. Weltweit wuchs die Beachtung für die Ausdrucks- und Aussagekraft seiner Kunst. Im Ergebnis dazu finden wir heute in fast allen wichtigen Museen dieser Welt Arbeiten von Svetlin Russev. Er kündet damit von eigenem hohen Können, aber auch, und das halte ich für besonders wichtig, von dem hohen Stand der bulgarischen Gegenwartskunst.

Wie kommt es nur, daß ein relativ kleines Land auf dem Gebiete der Kultur soviel auf beste Weise von sich Reden macht? Wo ist da die Ursache?

Ein kleineer Exkurs in die Geschichte mag da vielleicht einige Hinweise geben. 681 nach Christus bildete sich auf der Balkanhalbinsel ein bulgarischer Staat, eines der ältesten Staatswesen des heutigen Europas. Die Thraker, die diese Gegend lange vorher besiedelten, hatten bereits eine kulturelle Blütezeit, die durch zahlreiche Funde von Goldschätzen belegt wird. Ich muß dabei einfügen, daß in Sofia die frühen Funde in einem bemerkenswert noblen Museum sorgfältig für die Nachwelt bewahrt werden.

Ende des 9. Jahrhunderts wurde das Christentum eingeführt. Epochal war für die bulgarische Kultur die Schaffung der slawischen Schrift durch die Brüder Kyrill und Method, die einer Entfaltung einer bulgarischslawischen Literatur von gewaltiger Kraft ermöglichte. Damit wurde Bulgarien die Wiege des slawischen Schrifttums. Zahlreiche noch erhaltene Beispiele von Schriften belegen dies auf faszinierender Weise.

Ein Schatten senkte sich im 14. Jahrhundert über Bulgarien, als es unter die Herrschaft des Osmanischen Reiches geriet, die erst mit dem Sieg der Russen über die Türken 1876 endete und erst sich dann wieder ein neuer bulgarischer Staat gründen konnte.

Aber auch während der türkischen Herrschaft reicht die Kraft des kerngesunden bulgarischen Volkes aus, die bildenden Künste weiter zu pflegen, zu entwickeln und dies vornehmlich in den Klöstern.

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Eruptiv entwickelte sich das neue Staatswesen nach 1878. Sofia wurde die neue Hauptstadt und die Metropole des Landes. Junge Künstler gingen nach Westeuropa und studierten an den künstlerischen Bildungsstätten von Wien, München und Paris. Der größte Teil ging zurück und brachte etwas mit, was sie dort mit der eigenen Kraft, der Urkraft dieses Volkes paarten und damit eine eigene bulgarische Bildsprache entwickelten.

Vieles von dem, was ich hier nur kurzskizzierte, finden wir bei Svetlin Russev wieder. Svetlin Russev ist ein nachdenklicher Grübler. Seine Hand, die den Pinsel hält, wird von seinem Herzen und seiner Seele geführt. Er ist Bulgare, er hat eine bulgarische Seele und seine Bilder ebenfalls. Svetlin Russev malt Menschen und er malt menschlich. Die Nachdenklichkeit in seinem Bildgestalten macht den Betrachter, macht uns nachdenklich und ich vermute, es ist seine Absicht uns nachdenklich zu machen.

Immer wieder gibt es Künstler, die sich in und mit ihrer Kunst dem Menschenbild verschrieben haben. Namen zu nennen, hieße Wertungen vorzunehmen, das Werk von Svetlin Russev steht für sich selbstbewußt allein. Seine Bilder vom Menschen und seine menschlichen Landschaften binden uns in seine Welt ein. Betrachtet man die Bildgestalten in seinen Werken, so fällt vieles auf. Da ist zunächst das immer wiederkehrende aber farblich brillant nuancierte Steingrau. Ein Steingrau, das manchmal die dargestellten Körper wie in Stein gehauene Momente erscheinen läßt. Es fällt weiter auf, daß wir mit seinen Bildgestalten nie Blickkontakt bekommen. Immer schauen sie in sich gekehrt und, ich betone schon am Anfang die Nachdenklichkeit, an uns vorbei. Vornehme Zurückhaltung, das mit sich alleine sein Wollen sind vorherrschende Gedanken, die bei einer solchen Bildbetrachtung unwillkürlich auftauchen.

Und dann ist da das zweite große Erlebnis in seinen Bildern, das immer wieder durchfließende Rot. Das Rot unserer Lebenssaftes, das Rot das so oft sinnlos vergossen wird und das Rot, das wir so dringend zum Leben benötigen. Es ist oft in seinen Bildern allaegenwärtig und mahnt uns zum sorgsamen Umgehen mit dem Leben, mit unserem Leben.

Es fällt schwer, hat man sich einmal in ein Bild von Svetlin Russev festgesehen, sich wieder loszureißen.Mitseinen Bildernentsteht das, was Kunst eigentlich ausmachen soll, eine Zwiesprache zwischen den bildgewordenen Gedanken und Empfindungen des Künstlers und dein Betrachter.

Schauen Sie sich diese Bilder an, vielleicht haben meine Worte Ihnen geholfen, einzusteigen in die Kunst von Svetlin Russev und ich meine, Sie sollten es tun. Es liegt darin für uns manche Botschaft und Bereicherung unserer Gefühle.

Dr.h.c. Wolfgang Schreiner, 1995


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