Saint Phalle
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Ein gewaltiges Œuvre als Herausforderung des Jahrhunderts
von Pierre Restany
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Saint Phalle
Das Werk, das Niki de Saint Phalle bisher geschaffen hat, ist riesig. Seine Größe ist nicht allein in der augenfälligen Quantität und Unterschiedlichkeit begründet, sondern vielmehr in seiner ungeheuren menschlichen Betroffenheit. Ihr Œuvre ist die Reflexion von 50 Jahren eines schicksalhaften Strebens, des Instinkt-Gehorchens und eines visionären Schwungs, das alles aus einer tiefen Liebe zum Leben geboren ist. Niki läßt die Zügel fahren, wenn sie ihre Imaginationen in Arbeit umsetzt, und sie machte von dieser Freiheit schon sehr früh Gebrauch. Das tat sie in der Absicht, den ihr von Familie, Religionsschulen und Sozialstrukturen auferlegten Restriktionen zu entfliehen.

Marie-Agnes de Saint Phalle wurde 1930 in Neuilly-sur-Seine geboren. Ihr Vater, Direktor der amerikanischen Filiale der familieneigenen Bank in New York, verlor sein ganzes Vermögen im 1 930er Börsenkrach. In ihren frühen Jahren, die sie an einer Höheren Konventsschule an der Ostküste sie rebellierte gegen den verbrachte, war sie ein schwieriges Kind, traditionalistischen Unterricht. Sie nahm schnell den Rufnamen "Niki" an, wie um ihre sich bildende eigenständige Persönlichkeit zwischen dem Machismo des Vaters und den klassizistischen Anschauungen ihrer Mutter zu behaupten.

Es sollte nicht nur ein kennzeichnender Name werden, er wurde auch ein " Kampfname" für ihr ganzes Leben. Und tatsächlich klingt " Niki " ja sehr ähnlich wie " Nike ", der Name der griechischen Göttin des Sieges. Als ob es von den griechischen Skulpturen dieser Göttin vorgegeben wäre, begann Niki 1965, ihre berühmten schwarzen und weißen Nanas zu schaffen, die eine triumphale Verbeugung vor der lebensspendenden Energie der Frauen aller Zeiten werden sollten, unabhängig von Rasse und Konfession.

" Hon ", die monumentale Nana, die sie 1966 für das Moderna Museet in Stockholm schuf - in Zusammenarbeit mit Tinguely und Ultvedt - repräsentiert die Kulmination dieser ihrer Serie. Und was war es für ein großartiger Streich, als sie, um eine Frau in der Pose des Gebärens darzustellen und damit weltweit die Imposanz und Majestät des Lebens zu zelebrieren, zwei männliche Künstler engagierte! Das war weder die erste noch die letzte Großtat Nikis. Ihre vornehme Kinderstube hatte ihr bewußt gemacht, daß sie in einer Männerwelt lebt, aber als Frau war es nicht ihre Absicht, sich dem Machtmonopol der Männer zu unterwerfen. Nikis Weg, sich selbst zu befreien, wurde zur Entscheidung ihres Lebens. Ich kenne kaum Künstler ihrer Generation, die ihr privates Leben und ihr künstlerisches Werk so eng miteinander verbunden haben. Ihre Schriften, Briefe, Stücke, Bücher und Filme sind Bestätigung und Beweismittel für diese existenzielle Fusion.

Im Bereich der Literatur sind die ersten Spuren des Ausdrucks von Nikis Entwicklung zu finden: Sie schrieb Gedichte, versuchte sich am Drama, stellte Schauspielrollen dar. Dann hat sie für Vogue und Life als Mannequin posiert. Im Alter von 18 Jahren, im Jahr 1948, scheint sie ihr Leben in die endgültige Richtung zu bringen, indem sie einen jungen, reichen und hübschen Beau heiratet, der eine Leidenschaft für die Musik hat: Harry Mathews.

Einige Jahre und zwei Kinder später forderte der Kontrast zwischen ihrem Pariser Alltag in einem Zirkel von ausländischen Musikern und intellektuellen und ihrem starken Unabhängigkeitsbedürfnis seinen Tribut : Sie wurde 1953 mit einem schweren Nervenzusammenbruch in ein Krankenhaus eingeliefert. Ihre Wiederherstellung ist zum Teil der Malerei zu verdanken, mit der sie schon einige Zeit zuvor zu liebäugeln begann. So entschloß sie sich, die Schauspielerei aufzugeben und sich der Malerei zu widmen. Die Gouachen und Ölbilder, die sie in dieser Phase machte, sind sozusagen ein Familienalbum, bestehend aus Portraits, Selbstportraits, Party- und Strandszenen, und sie signierte sie bis 1955 mit "Niki Mathevvs". In den Bildern drückt sich eine Entwicklung zu erzählerischen und dekorativen Motiven aus, und ab 1956 wurde der erzählerische Aspekt deutlicher. In dieser Zeit kommen die Monster, Tiere, Göttinnen und kleinen Mädchen, Schlösser und Kathedralen zum Vorschein, beigefügt ist eine zunehmende Zahl von Fundobjekten. Um 1958 wurden diese Beifügungen zu Sammlungen von Einschlüssen in Kunststoff auf Faserplatte und Holz.

Pierre Restany schießt...
Ursprünglich Materialien häuslicher Art wie Knöpfe, Fäden und Kaffeebohnen, wandeln diese Zusätze sich bald zu aggressiveren und potenziell gefährlichen Dingen wie spitzen Werkzeugen, Nägeln, Geschirrscherben, Pistolen und geschärften Metallinstrumenten. Bis Ende 1960 werden diese Materialien zu Reliefs zusammengestellt, die wie beliebig hingestreute scharfe und bedrohliche Formen aussehen können. In der Rückschau erscheint dieses gleichsam wie aus dem Gebrauch gebrachte Inventar wie eine Vorwarnung auf das Kommende. Die Reliefs mit den stärksten Inkrustierungen der Periode von 1958 bis 1960, die sich noch linkisch und naiv geben, erscheinen wie ein Barometer, auf dem der wachsende Druck der ihr innewohnenden Gewalt abgelesen werden kann, von dem Niki sich befreien will. Sie trennte sich von Harry Mathews, der in der Zwischenzeit Schriftsteller geworden war, und ab 1960 arbeitete sie in einer heftigen, aktiven Art an Leben und Karriere weiter.

Einer ihrer Anbeter jener Zeit begann ihr stark auf die Nerven zu gehen, und er brachte sie auf die Idee, sich von ihm durch einen symbolischen Akt zu befreien. Sie nahm ein Hemd und eine Krawatte, um seinen Körper zu symbolisieren, nahm eine Zielscheibe als Gesicht und klebte das Ganze auf ein Holzbrett. Sie stellte diese Arbeit im Salon "Comparaisons" im Pariser Museum der Modernen Künste aus und lud das Publikum ein, Wurfpfeile auf das Ziel zu werfen. Ihre Gewalttätkeit wurde so umgesetzt in die Inszenierung eines interaktiven tödlichen Spiels. Zwischen diesem naiv erscheinenden, kindischen Akt von Verrat und radikaler Nötigung und der Interaktion in der Inszenierung scheint eine Lücke zu klaffen. Doch das verbindende Glied ist Ironie, und dadurch wandelte Niki den Akt in einen wahren Geniestreich um. Das durchzuführen fiel ihr natürlich nicht schwer, weil sie sich im Jahre 1961 mit Jean Tinguely zusammengefunden hatte. Ihre beider anfangs alles verzehrende Leidenschaft sollte über die Jahre aus dieser sehr außergewöhnlichen intellektuellen Komplizenschaft eines Künstlerpaares Blüten wie Geniestreiche treiben.

Ja, ein Geniestreich. Am 12. Februar 1961 lud Tinguely mich ein, zusammen mit Jeannine de Goldschmit an der ersten Shooting-Session von Niki de Saint Phalle teilzunehmen. Welch erhebende und preiswurdige Zeit war das! Meine Theorie des Neuen Realismus schäumte über und erfüllte dessen Grundprämissen auf erfreuliche Art. Im Jahr 1960, dem wahren Gründungsjahr der Gruppe, setzte sich die Bewegung in der Pariser Kunstszene unwiderstehlich durch. Yves Kleins "Anthropométries", Césars "Compressions", Armans "Accumulations". Der römische "Affichiste" (aus dem Reißplakat "Décollages") Rotella schließt sich mit Hains zusammen, Villegle und Dufrene. Diese außergewöhnliche Bewegung wuchs schnell und blieb nicht länger nur an die Ufer der Seine gebannt.

Und tatsächlich markieren auf internationaler Ebene zwei denkwürdige Ereignisse diese goldenen Jahre. Im März 1960 ging Tinguelys "Hommage an New York" zur Ausstellung an das Museum of Modern Arts, und im Januar 1961 richtete das Museum in Krefeld eine Yves-Klein-Retrospektive aus. Ein drittes Hauptereignis sollte im Mai 1961 mit der Eröffnung der Galerie J mit "Forty Degrees above Dada" kommen, die gleichsam als Forschungslabor für den Neuen Realismus dienen sollte.

Une œuvre immense prête à affronter le siècle à venir
Ein gewaltiges Œuvre als Herausforderung des Jahrhunderts
An Immense Œuvre to Challenge the New Century


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