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Die politischen Weltbilder des Niki de Saint Phalle
von Ulrich Kempel 2/6 |
Weltbilder
Die vielen und unterschiedlichen Wege zur Kunst sind in unserer Zeit Legion. Ein jedes Tätigsein des Menschen in der Kunst, wie die analytische Reflexion, das zweckfreie Spiel oder die Suche nach der Selbstfindung und Selbstverwirklichung sind solche, von der Ästhetik wie der Psychologie beschriebenen Anlässe, sich auf der Ebene symbolischen Handelns, in der Formulierung von Sinn- wie Abbildern zu finden. Das künstlerische Schaffen der Niki de Saint Phalle entstand nicht geplant, wurzelt nicht in einer systematischen Ausbildung an Kunstschule oder Akademie, sondern bildete sich zu einer lebensnotwendigen, kontinuierlichen Lebenshaltung erst in einer grundlegenden persönlichen Krise aus. Aus ihrer Familie jung in eine frühe Ehe geflüchtet, mit kleinen Kindern, in der ökonomischen Unsicherheit eines Bohemelebens, voller ungeklärter Erwartungen an das Leben, zerbrach sie fast an den Widersprüchen zwischen eigenem Wollen und der Misere der Welt um sie herum. "Ich war eine zornige junge Frau, doch gibt es ja viele zornige junge Männer und Frauen, die trotzdem keine Künstler werden. Ich wurde Künstler, weil es für mich keine Alternative gab - infolgedessen brauchte ich auch keine Entscheidungen zu treffen. Es war mein Schicksal. Zu anderen Zeiten wäre ich für immer in eine Irrenanstalt eingesperrt worden - so aber befand ich mich nur kurze Zeit unter strenger psychiatrischer Aufsicht, mit zehn Elektroschocks usvv. Ich umarmte die Kunst als meine Erlösung und Notwendigkeit." (NdSP, In: NdSP, Bilder Figuren - Phantastische Gärten, München 1987, S. 46) Die ersten Malversuche, noch in den USA, sind lediglich über das Werkverzeichnis in einer Schwarzweißabbildung zu erschließen; gesichtslose Silhouettenfiguren in einem leeren Innenraum. Bereits in Frankreich entstanden in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre linear konturierte Innenräume mit Figuren, wie in "Asseyez-vous madame" von 1952-1954. Wie Malerpuppen, gesichtslos und auf die anatomische Pose reduziert, agieren die zwei Figuren im Innenraum; nur über die Kleidung sind sie als sitzende Frau und stehender Mann erkennbar, grüßend erheben sie jeweils einen Arm und scheinen in Bewegung aufeinander zu begriffen; davon sprechen die zueinander gerichteten Körper, wie auch die zueinander gebeugten Knie. Ein Bild vom Zusammentreffen zweier Menschen, vielleicht von der Möglichkeit und vom Anfang einer Beziehung, die Topfpflanze im Hintergrund, die ihre Blüten hoch über die Köpfe der Figuren erstreckt, verbindet die Figuren in einem sanften und harmonischen Kreissegment miteinander. Ein Traum von Harmonie, allgemein und ohne spezifische Inhalte beschrieben, als Traum orientiert am eigenen Leben. Auch in "La fête" (um 1953-1955) sind es die Beziehungen zwischen den dargestellten Figuren, die wie das eigentliche Thema erscheinen, eine tanzende Figur inmitten einer dichten Gruppe von Menschen, die entlang des oberen und rechten BiIdrandes aufgereiht sind, dominiert die Aktion in diesem Bild. Alle Gesichter zeigen hier eine Binnenzeichnung der Gesichtszüge, vermerken so Persönlichkeit und Charakter, die Zuschauer und Musiker lachen, zeigen sich als Gruppe im gemeinsamen Erlebnis und Gefühl. Nur das junge Paar in der linken unteren BiIdecke, eng aneinandergerückt an einem aufsichtigen Tisch plaziert, ist vom geselligen Geschehen der Szene isoliert. Beide scheinen noch in ihrem Miteinander und ihrer gegenseitigen Nähe nicht nur vom übrigen Fest getrennt, sondern auch voneinander isoliert. Die Zuschauer und Musiker, die Tanzende und das Paar, sie alle sind die Protagonisten einer Situation, in der der Fröhlichkeit der einen die Einsamkeit der anderen Figuren entgegensteht; die Tänzerin und das Paar sind es, die sich jeweils dem Gefühl und der Formation der Gruppe fast antithetisch entziehen. In einer anderen Gruppe früher Gemälde formuliert die junge Malerin bereits ab der Mitte der fünfziger Jahre die Figuren und Gegenstände, auf die sie im späteren Werklauf wieder zurückkommen wird: Bilder von Mädchen und Frauen, formuliert wie allgemeine Chiffren der Weiblichkeit; präsentiert vor Ensembles surrealer Städte und Landschaften, dagegen Bilder von Welt und Weltsicht in großen Landschafts- und Stadtbilden, bevölkert von realen oder mythischen Tier- und Menschenfiguren. Gebirgslinien begrenzen die Ebenen zu roten oder schwarzen Himmeln, in denen ambivalente Flugwesen erscheinen, ebenso wie große, ausladende Gestirne. In "Entre la ville et la fleur'' (um 1956) steht das gesichtslose Mädchen im hellen Kleid, einen Strauß Blumen in der Hand, vor einer sich türmenden Berglandschaft, in der immer wieder wie in einer Collage einzelne Elemente von Weltschilderung aufscheinen - wie Tiere in einer Landschaft, Menschen mit einem Auto, Bäume in einem Tal. Übergroß erscheint die Figur im Verhältnis zu den Szenen, kaum wird sie von der Bergformation überragt. Die Bedeutungsperspektive macht deutlich, wie sehr diese Stellvertreterfigur den Mittelpunkt des Bildes besetzt. Die geschilderte Natur ist da ambivalent, wo ihr wie in der Gebirgsformation große Maskenformen eingeschrieben sind, die aus dem Bilde blicken. Das große Gestirn im roten Himmel ist umfangen von einer dunkelgrundigen Negativform, die wie die Fortsetzung der gleichfarbigen Berglandschaft erscheint, Auswuchs, Baum, Raumperspektive sind nur einige der denkbaren Lesemöglichkeiten. Auch in "Pink nude with dragon" stehen die Figuren in einer Landschaft vor dunklem Himmel mit einem großen Gestirn. Fast ruht die große Kreisform auf dem ausgreifenden Arm der Frauenfigur, erscheint wie ein Spielball der Nackten, die zugleich auch die Beherrscherin des Ungeheuers ist. Solche Landschaften sind erlebt wie erträumt, sind surreale Nachtkompositionen, in denen die einzelne weibliche Figur inmitten der Dinge ist, sie beherrscht oder ihnen zumindest nicht fremd scheint. Elemente der Kostbarkeit und des Dekors werden spürbar in der Flächengestaltung, wenn etwa der dunkle Himmel mit einem filigranen Sternemuster oder die Landschaft mit einem Relief von Dingdetails überzogen wird. Der Körper des Drachen ist von spitzen, rostigen Nägeln gespickt, die Muster über Landschaft und Figur sind teilweise mittels Lebensmitteln, wie Kaffeebohnen, Reis, aber auch mit farbigen Steinen gebaut. Große Fundstücke, wie ein Stein im Himmel, ordnen sich in Struktur und Szene des Bildes ein, gestalten aber auch die Oberflächenmuster von Welt und Personen. Viele dieser frühen Gemälde sind "Weltbilder" im Sinne der sinnbildlichen Übersichten über Landschaften, Städte, Meere und Gebirge, wie wir sie aus den Landschaften der Frührenaissance kennen. Auch in Bildern wie "The Round Room" kombiniert die Malerin die Aufsicht auf eine Landschaft mit Wäldern, Straßen, einem See, mit Autos, Menschen und einem weißen Elefanten mit der Ansicht eines prächtig aufragenden Schlosses mit tentakelartigen Türmen. Die Figur einer nackten schwarzen Frau, wie eine frühe Vorwegnahme der späteren Nana, im "runden Raum" korrespondiert mit vergleichbaren Figuren in "Composition" von 1956 aus dem Moderna Museet Stockholm. Im letztgenannten Gemälde finden sich andere Vorläufer der späteren fantastischen Figuren der Künstlerin, wie die Schlange, den Baum mit nackten, sich reckenden Ästen, das Seeungeheuer, das Krokodil. Männer, Frauen und Kinder sind ebenfalls auszumachen, Ballspieler, und wieder die Figur der üppigen Nackten mit betonten Brüsten. Ein unüberhörbarer Unterton von Eros und Lebensfreude ist diesen großen erzählenden Szenen eigen. Zudem sind es in diesen frühen Jahren die gefundenen Gegenstände, die sich mehr und mehr in den Ölbildern integriert finden, die den Charakter solcher Kostbarkeit unterstützen. Die vielen objets trouvés in Gemälden wie "Pink nude vvith dragon" finden sich, nachdem die Künstlerin 1955 Gaudis Parc Güell in Barcelona mit seinem großartigen keramischen all-over-Dekor kannengelernt hatte. Die gefundenen Objekte werden in ihren Bildern zu Dingen und Gegenständen im Bild umgedeutet, wie etwa zur Sonne, zu Augen, dekorativen Mustern oder ähnlichem. Es ist dies ein eigenes, Gestalt gebendes Aufgreifen der objets trouvés, lange vor der Bekanntschaft mit den Künstlern der nouveaux réalistes im Paris der frühen sechziger Jahre. Auffallend und eigenständig ist, daß die gefundenen Gegenstände in den Bildern immer einer Verwandlung unterzogen werden; jedes Ding findet sich in einer neuen Wirklichkeit wieder, einer ganz anderen Existenz. |
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