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Die politischen Weltbilder des Niki de Saint Phalle
von Ulrich Kempel
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Die Haut der Bilder

In nahezu allen Assemblagen der frühen sechziger Jahre bleiben die Gegenstände, Fundstücke und Teilchen in ihrer Farbigkeit und Dimensionalität erhalten, eingebettet in Trägermaterial wie vor allem Gips, der weiß oder eingefärbt als Trägerschicht wie auch Farbfläche sich um die Dinge erstreckt. Es brauchte einige dramatische Schritte in den Arbeiten der Niki de Saint Phalle, bis die Gegenstände auf den Bildern allmählich in der Trägerschicht des weißen Gipses einsanken, untertauchten und verschwanden.

In den Assemblagen war allmählich ein anderes Umgehen mit der Wirklichkeit, mit Gewalt und Eros spürbar geworden. "Ich fing an, meine Aggressionen in meine Arbeit einfließen zu lassen. Ich schuf Objekte von Tod und Verwüstung. Eines enthielt die Pistole, die ich gekauft hatte, um meinen Liebhaber symbolisch zu töten. Der Mond in diesen Bildern war immer schwarz und trug Spuren von Gewalt. Ja, ich war dabei, in die Hölle hinabzusteigen. " (Hulten 157) Die lange verschütteten Auseinandersetzungen mit der Familie, dem Vater, der Kindheit und ihren uneingestandenen dunklen Geheimnissen fanden sich endlich formuliert, in einfachen, schockierenden Bilderfindungen. Mehr und mehr wurden die Kunstwerke die Stellvertreter für das, was ihr angetan worden war. In den Bildern bannte sie das, was sie nicht anders bewältigen konnte.

"Eines Tages im Frühling 1961 besuchte ich die Ausstellung Comparaisons in Paris. Ein Relief von mir hing in der Ausstellung. Es hieß Portrait of my Lover, hatte eine Zielscheibe als Kopf, ein Männerhemd und eine Krawatte waren auf schwarz gemaltem Hintergrund geklebt. Auf einem Tisch lagen Pfeile, die die Besucher auf den Männerkopf werfen sollten. Ich war aufgeregt zu sehen, wie die Zuschauer die Pfeile warfen und so Teil meiner Skulptur wurden. Nicht sehr weit von meiner Arbeit entfernt hing ein vollkommen weißes Gipsrelief von einem Künstler namens Bram Bogart. Ich sah es an - FLASH - was wäre, wenn das Bild bluten würde, so wie die Menschen verletzt sein könnten. Das Bild wurde für mich zu einer Person mit Gefühlen und Empfindungen.
Was wäre, wenn sich unter dem Gips Farbe befände? Ich erzählte Jean Tinguely von dieser Vision und von meinem Wunsch, ein Bild bluten zu lassen, indem ich auf es schoß. ...
Etwas Gips war noch da. In der impasse Ronsin fanden wir ein altes Brett und kauften etwas Farbe im nächsten Laden. \/\/ir schlugen Nägel in das Holz, damit der Gips an etwas haften blieb. Ich wurde wild und füllte nicht nur Farbe in Plastiktüten, sondern alles was so herumlag - auch Spaghettl und Eier. ...

Das Blutbad in Rot, Gelb, Blau spritzte auf das reine weiße Relief. Das Bild wurde zum Tabernakel für TOD und AUFERSTEHUNG. Ich schoß auf MICH SELBST. Die Gesellschaft mit ihrer UNGERECHTIGKEIT. Ich schoß auf meine eigene Gewalttätigkeit und die GEWALT der Zeit. Indem ich auf meine eigene Gewalt schoß, brauchte ich sie nicht länger mit mir herumzuschleppen wie eine Last. Während der Jahre, in denen ich schoß, war ich keinen einzigen Tag krank. Es war eine großartige Therapie für mich. Das Ritual, ein Relief immer wieder in jungfräulichem Weiß anzumalen, war sehr wichtig für mich. Das Theatralische an der ganzen Vorstellung begeisterte mich sehr." (Brief an Pontus Hulten, in-. Hulten, S. 161 f.)

Hatten die Assemblagen bislang mit offenen Oberflächen und Strukturen gearbeitet, so begannen sie nun, sich unter eine alle Dinge gleichmäßig überziehende Oberfläche zurückzuziehen, Das Weiß der ungeschossenen Bilder und Reliefs führt später direkt zu den Bildern und Skulpturen der Frauen, Bräute, Köpfe und schließlich zu den Nanas und ihren farbigen Oberflächen. Mit dem Weiß des Gipses, und - etwa in den Bräuten mit jenem Weiß, das die Akkumulationen der Gegenstände überzog, gewannen die Reliefs Körperlichkeit und Volumen. Die weiße Haut, die sie überzog, war das Bild der Unversehrtheit, des Heilen und Ganzen, deren Zerstörung aber eine notwendige, jedoch irgendwann auslaufende Phase von symbolischem Ansturm gegen die Gewalt in der Zeit, der Gesellschaft, in sich selbst.

Der Aspekt der jungfräulichen Unberührtheit, der in der westlichen Kultur mit dem Weiß leicht zu assoziieren ist, war wie jener der Reinheit aber nicht nur der Farbe Weiß geschuldet, sondern auch der deckenden Haut der Bilder. Und zugleich wurde in den Schießbildern das reine Weiß, die sanfte Haut Bildträger der eigenen Zerstörung, die Farben, die über die zerschossene Oberfläche liefen, über das Weiß, auf dem noch die feinsten Kontraste und Spuren sichtbar wurden und blieben, sie erst machten aus dem schweigenden, wartenden weißen Relief eine sprechende Struktur, ein bewegtes Bild, eine lesbare und erregende Oberflache.

Vielleicht wuchs den Bildern der Niki de Saint Phalle erst eine Haut, als es nötig wurde, die Dinge in einer einheitlichen Form zu fassen. Die Haut mußte den Bildern wachsen, damit sie zur Beschreibung der Wahrheit immer wieder zerstört werden konnte. Das Opfer der Bilder machte diese zu Märtyrern; zugleich machte das Opfer auch die Täter dingfest. In "Saint Sebastien ou Portrait of my lover" ist diese unauflösbare Doppelheit der Aggression bereits deutlich verkörpert.

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Die politischen Weltbilder des Niki de Saint Phalle
The Political Universe in the Art of Niki de Saint Phalle
L'Univers politique dans l'art de Niki de Saint Phalle


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